Traut euch selbst mehr zu – Als Frau alleine reisen

Bevor es sich ergab, dass Uli und ich aufeinandertrafen und beschlossen, unseren gemeinsamen Traum zusammen umzusetzen, wollte ich alleine auf diese Reise gehen. Ich wollte das schon so lange machen und hatte keine Lust mehr, mich davon abhängig zu machen, dass ich jemand finde, der mit mir kommt. Ich war also bereits auf der konkreten Suche nach einem Bulli oder Van und wollte, zusammen mit Pepito natürlich, unbedingt durch Norwegen und bis rauf zum Nordkapp fahren. Wenn das gut lief, würde ich mir den Rest Europas vornehmen.

Natürlich bin ich wahnsinnig glücklich darüber, wie dann alles gekommen ist und dass wir schließlich zu dritt unterwegs sind. Und doch hat mich der Gedanke elektrisiert, alleine auf so eine Reise zu gehen: Vollkommen auf mich gestellt zu sein, zu sehen, dass ich mich auf mich verlassen und mich alleine organisieren kann. Ich wollte erfahren, wie es ist, mit mir allein zu sein und ob ich überhaupt mit mir klarkomme und meine Gesellschaft leiden mag, und wie ich vielleicht über mich hinauswachsen und selbstbewusster werden würde an einem solchen Abenteuer.

Alleine Ausgehen erfodert Überwindung

Nach langjähriger Beziehung war ich plötzlich wieder Single und ziemlich planlos. Jahrelang war ich immer umgeben von Freunden, eigentlich nie allein. Jetzt saß ich allein in meiner neuen Wohnung und wusste so gar nichts mit mir anzufangen. Alle Dinge, die ich vorher gern gemacht hatte, kamen mir alleine irgendwie seltsam vor. Ich wollte am quirligen Leben vor meinem Fenster teilhaben, aber ich wusste nicht wie. Also habe ich mich gezwungen rauszugehen, mich in ein Café zu setzen oder in meine Lieblingskneipe zu gehen. Ich kam mir bescheuert vor und hatte das Gefühl, jeder sieht mich mitleidig an und denkt, ich hätte keine Freunde.

Dabei habe ich andersrum immer Frauen bewundert, die alleine im Café oder Restaurant saßen und sich wohl zu fühlen schienen. Ich kenne auch viele Frauen, die regelmäßig alleine verreisen und fand das immer mutig, großartig und bewundernswert. Nie wäre mir der Gedanke gekommen, das sei traurig oder diese Frauen hätten bloß keine Freunde. Nein, das war stark, das war emanzipiert und schließlich hielt ich mich doch auch für eine emanzipierte, selbstständige Frau. War ich aber nicht mehr. Also habe ich mich auf Aktivitäten beschränkt, bei denen ich mich immer sehr wohl gefühlt habe und bei denen ich so in meiner Welt war, dass ich da niemanden an meiner Seite brauchte. Ich war also nur noch in Museen und mit Pepito im Wald spazieren. Ab und zu konnte ich mich dazu überreden, auch alleine ins Kino, zu einer Lesung oder zu einem Konzert zu gehen, auch wenn niemand sonst Zeit hatte. Doch es blieb anstrengend und eine Überwindung.

Ich habe dann angefangen, mir andere Singles in meiner Umgebung anzusehen und wie die das so machen. Was ich erschreckend fand, war, dass bei vielen der alles bestimmende Gedanke war, wieder eine/n Partner/in zu finden. Hatten sie jemand kennengelernt, blühten sie auf, gingen aus, machten tolle Reisen und alles schien möglich. War die Beziehung wieder vorbei, igelten sie sich ein, machten nur noch das Nötigste – Arbeiten, Einkaufen – und schienen an nichts so richtig Freude zu haben. Und natürlich wurde dann die Partnersuche auf Tinder und Co. wieder zentraler Lebensmittelpunkt. Es war, als hätten sie die Pausetaste gedrückt und Leben wäre erst wieder möglich, mit einem anderen Menschen an ihrer Seite.

Ich überzeichne hier bestimmt, aber so kam es mir in dieser Zeit vor und so wollte ich auf keinen Fall sein. Warum ist es für Männer kein Problem, abends alleine auf ein Bier in die Kneipe zu gehen und für die meisten Frauen ein Graus? Ich fühlte mich wahnsinnig eingeschränkt in meinem Aktivitätsrahmen, denn wenn Freunde eine Verabredung leichtfertig absagten, bedeutete das für mich einen weiteren Samstagabend alleine Zuhause zu verbringen. Das wollte ich unbedingt ändern und wieder lernen, mit mir alleine sein zu können und auch alleine schöne Sachen zu unternehmen, auf die ich Lust hatte. Partnersuche war für mich ohnehin so gar kein Thema, ich musste erstmal wieder rausfinden, wer ich außerhalb einer Beziehung denn eigentlich bin.

Alleine Reisen mit Sicherheitsanker

Also habe ich versucht, die Sache andersrum zu sehen: ich konnte tun und lassen was immer ich wollte und musste mich mit niemandem absprechen oder auf die Interessen von anderen Rücksicht nehmen. Ich habe mir überlegt, worauf ich Lust hatte und habe es einfach gemacht. Das war am Anfang ein harter Kampf mit mir selbst und nicht nur einmal bin ich mit eingezogenem Schwanz frühzeitig nachhause gekommen, weil ich mich alleine doch nicht wohlfühlte. Aber mit der Zeit ging es immer leichter und wurde selbstverständlicher. Gleichzeitig lernte ich dadurch neue Leute kennen und alte Freundschaften bekamen plötzlich nochmal einen ganz anderen Stellenwert.

Schließlich wollte ich alleine verreisen. Ich dachte an einen Wanderurlaub in der Bretagne. Beim Wandern fühle ich mich einfach wohl und die Bretagne kannte ich bereits und auch die Autofahrt dahin schien mir alleine zumutbar. Doch als ich mein Zelt zum Begutachten nochmal in der Wohnung ausbreitete, kamen mir die Tränen. Das riesen Ding war nicht fürs Alleinereisen gemacht.

Ich verwarf augenblicklich den Plan, der mir auf einmal schrecklich traurig erschien, und buchte stattdessen eine Woche in einem Surf- und Yogacamp auf Lanzarote. Immer schon wollte ich surfen lernen und Yoga ist seit vielen Jahren ein fester Teil meines Lebens. Es war großartig und ich hatte eine tolle Zeit, mit vielen netten Menschen.

Genau hier, auf Lanzarote, habe ich beschlossen, als freie Lektorin arbeiten und als digitale Nomadin durch die Welt ziehen zu wollen.

Der Grundstein für ein neues Leben wurde auf Lanzarote gelegt

Zufälligerweise schickte mir Uli genau in der Zeit eine Info-Broschüre zu seinem neu gegründeten Start-Up, mit der Bitte, sie zu korrigieren. So kam es, dass ich in Lanzarote auf dem Dach unseres Surfcamps in der Sonne lag, mit Blick auf das Türkisblaue Meer und die weiß getünchten Häuschen um mich rum und Ulis Broschüre korrigierte. Dabei kam mir zum erstem Mal der Gedanke: „Das ist es, was ich will! Irgendwo auf der Welt an wunderschönen Flecken sitzen und eine Arbeit machen, die mir Spaß macht. Ich will selbstständige Lektorin und Texterin werden.“  In diesem Moment auf dem Dach, neben mir mein tropfender Neoprenanzug, der nach dem Surfen in der Sonne trocknete; in einer Hand einen leckeren Kaffee und in der anderen ein Tablet, wurde wohl der Samen für all das gepflanzt, was Uli und ich inzwischen leben.

Ich habe noch ein paar kleinere Reisen alleine unternommen, aber immer mit Sicherheitsanker: alleine mit dem Auto nach Italien, aber dort bei Freunden gewohnt; einen Freund in Holland besucht oder Kurztripps zum Wandern in mir vertraute Gegenden. Aber auch bei diesen Urlauben konnte ich schon viel über mich lernen. Zum Beispiel, dass ich mich sehr gut selbst organisieren und mitten in der Nacht allein zum Flughafen fahren oder mein Auto beladen und losfahren kann. Oder dass ich sehr belastbar bin und eine 15-stündige Autofahrt ganz alleine problemlos meistern kann und mich dabei wahnsinnig frei und unabhängig fühle.

Die Reise zum Nordkapp sollte nach dem vorsichtigen Ausprobieren mein großes Abenteuer, ganz ohne jeden Sicherheitsanker werden. Wie gesagt, bereue ich keine Sekunde, dass alles anders kam. Dennoch hat mich die Vorstellung doch sehr gereizt, einmal rauszufinden, was alles in mir steckt. Bei einer Reise alleine hätte ich beispielsweise rausgefunden, wie zum Teufel ich diese dämliche, schwere Toiletten-Kassette selbst ausleere oder wie ich Hilfe finde, wenn mein Wagen eine Panne hat. Dadurch, dass ich jetzt mit Uli unterwegs bin, habe ich andere Dinge über mich lernen können. Er hält mir den Rücken frei und ich kann zum Beispiel endlich in Ruhe schreiben.

Viele Worte für einen simplen Appell

Was ich eigentlich sagen will, ist, dass ich der Meinung bin, wir Frauen sollten uns dringend mehr selbst zutrauen. Wir haben alle Freiheiten, auch und gerade als Singles. Aber auch in einer Beziehung sollten wir uns nicht von unseren Träumen abhalten lassen, weil der Partner/die Partnerin gerade keinen Urlaub bekommt oder Afrika, im Gegensatz zu uns, überhaupt nicht reizvoll findet. Wenn ich eins von anderen Reisenden gelernt habe, dann, dass man nie alleine ist, wenn man es nicht unbedingt drauf anlegt. Überall auf der Welt finden sich Gleichgesinnte und auch in Notsituationen findet sich immer jemand, der einem hilft.

• Wenn ihr noch den letzten Schups im Sinne eines Mutmachers braucht, werft doch mal einen Blick in das Buch „Frauen Reisen Solo“ oder das dazugehörige Blog www.pinkcompass.de.
• Auf der Seite www.e-mondo.online findet ihr Anregungen zu und ausführliche Informationen über mögliche Reiseziele. Das Besondere an der Seite: es gibt zu jedem Land Informationen darüber, wie sicher es für alleinreisende Frauen ist.
• Übrigens: Auch in unserem Buch „Auszeit Storys“ finden sich Geschichten von mutigen Frauen, die das Reisen allein für sich entdeckt haben.

Seid mutig und entdeckt die Welt! 🙂

Hey, ich bin Ramona und schreibe hier über unser großes Abenteuer.
Am wohlsten fühle ich mich draußen, beim Wandern und am Lagerfeuer. Mein Geld verdiene ich als freie Lektorin und Redakteurin und neuerdings mache ich das von den schönsten Plätzen Europas aus.

1 Kommentar

  1. Sehr offene und private Einblicke. Danke, Ramönchen. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, wie es Dir erging und bin so happy für dich, dass es jetzt zu dritt sogar noch besser ist als zu zweit. HDL

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